Unter anderem getrieben von den Big-Data-Initiativen der vergangenen Jahre, werden in Unternehmen verstärkt die Themen Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen diskutiert. Professor Stefan Wrobel, Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS, spricht im Interview über den aktuellen Forschungsstand, zeigt auf, wie weit die europäische Industrie tatsächlich ist und welches Potenzial die Entwicklung für die Zukunft hat.

Prof. Dr. Stefan Wrobel, Fraunhofer IAIS.

Tumescheit: Was genau ist die »Künstliche Intelligenz«?

Wrobel: Intelligenz ist eine zentrale Eigenschaft des Menschen, die wir üblicherweise auch nur Menschen zubilligen. Wenn jetzt Maschinen in der Lage sind, Dinge zu tun, die wir gemeinhin als intelligent klassifizieren würden, bezeichnen wir diese als Künstliche Intelligenz. Sie umfasst aktuell Maschinen, die beispielsweise in der Lage sind, Bilder zu interpretieren, auf sprachliche Äußerungen angemessen zu reagieren, sie steht gar für vermeintlich einfache Dinge wie die digitalen Assistenten auf unseren Mobiltelefonen.

Tumescheit: Wo sehen Sie die Abgrenzung zum Begriff des Maschinellen Lernens?

Wrobel: Schon zu Anfang der Künstlichen Intelligenz war dem KI-Pionier Alan Turing klar, dass man intelligente Computer kaum händisch bis in jedes Detail würde programmieren können. Er hat schon 1950 geschrieben, dass es eine zügigere Methode geben müsste – eben das Maschinelle Lernen. Mit diesen Methoden sind Computer in der Lage, aus Beobachtungen, vorhandenen Daten und Beispielen zu lernen und dadurch ihr Verhalten zu verbessern.

Tumescheit: Kann man diese intelligenten Computersysteme mit der menschlichen Intelligenz vergleichen?

Wrobel: Vergleichen kann man zwei Dinge immer, auch wenn sie unterschiedlichen Charakter haben. Ein Flugzeug fliegt nicht so wie ein Vogel, ein Computer denkt nicht so wie ein Mensch. Wir müssen die Leistungen betrachten und dann beurteilen, ob wir diese als genauso intelligent, weniger intelligent oder als intelligenter einstufen als das, was im Vergleich ein Mensch tun würde.

Tumescheit: Könnte man sagen: Bei Themen wie Strategie oder Bilderkennung funktioniert die KI mittlerweile wie der Mensch oder gar besser, beim Kreativen hat der Mensch jedoch noch den Stab in der Hand?

Wrobel: Ich glaube, es ist heute nicht mehr so leicht, dass pauschal zu sagen. Es kommt darauf an, ob eine Aktion durch den Computer tatsächlich aus Beispielen erlernbar ist. Kann das notwendige Wissen vorab modelliert werden? Ob bei der Ausführung dann eine kreative Komponente enthalten ist oder nicht, ist eine tiefere philosophische Frage.

Tumescheit: Stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob sich eine KI ethisch oder moralisch verhalten muss?

Wrobel: Es wäre niemals akzeptabel, wenn sich eine KI weniger ethisch, weniger moralisch, weniger korrekt, weniger gesellschaftlich akzeptiert verhält als ein Mensch. Selbstverständlich müssen wir an KI-Systeme mindestens die gleichen Maßstäbe anlegen wie an Menschen. Wir sollten sogar höhere Maßstäbe anlegen, denn KIs ermüden nicht, sind nie unkonzentriert oder emotional. Was das im konkreten Einzelfall heißt, wird natürlich schwierig zu diskutieren sein. Wir kennen alle die beispielhafte Debatte bei autonomen Fahrzeugen. Ich glaube jedoch, dass die Diskussion eben durch die Fähigkeiten und die Verlässlichkeit maschineller Systeme weniger kompliziert werden wird. Wenn KI-Systeme gefährliche Situationen von vornherein gar nicht aufkommen lassen, müssen wir das positiv bewerten. Grundsätzlich wünsche ich mir eine engagierte, gesamtgesellschaftliche Debatte darüber, was künstlich intelligente Systeme tun und können sollten, und was nicht.

Tumescheit: Wie ist denn der aktuelle Forschungsstand zum Thema KI?

Wrobel: Wir haben in den vergangenen Jahren bei den Möglichkeiten sehr parameterreicher, tiefer neuronaler Netze, die man tatsächlich trainieren kann, einen beeindruckenden Fortschritt gesehen. Da sind wir noch lange nicht am Ende der Entwicklung. Wichtig wird in den nächsten Jahren werden, auch andere, wissensbasierte Techniken im Bereich der KI wieder anzubinden. Das ist ein Forschungsschwerpunkt, den wir auch bei Fraunhofer gezielt fokussieren. In der Medizin ist es beispielsweise immer noch sehr aufwendig, notwendige Daten für große Auswertungen zu beschaffen. In der Industrie hat ein Mittelständler eben nicht Millionen von Posts eines Video- oder Bilderdiensts zur Verfügung, sondern nur 500 oder 1000 individuelle Klassifikationen, die im eigenen Betrieb vorgenommen wurden. Dies wird eine große und wichtige Entwicklung sein.

Tumescheit: Wie wird KI heutzutage bereits in den Unternehmen eingesetzt?

Wrobel: Im Bereich Bildverarbeitung etwa haben wir im industriellen Einsatz schon lange intelligente Lösungen, die nun durch die Lernfähigkeit noch mal intelligenter geworden sind – im ganzen Bereich der Produktion, der Industrie, der visuellen Inspektion sind Systeme des Maschinen-Sehens, der sogenannten »Machine Vision«, schon im Einsatz. Sichtbar für die Öffentlichkeit sind außerdem vor allem Systeme im Bereich des autonomen Fahrens, Chat-Bots und Benutzeroberflächen – zum Beispiel bei der stark verbesserten Fähigkeit von Computern, mit Sprache umzugehen.

Tumescheit: Was sollten Unternehmen Ihrer Meinung nach jetzt am besten in Sachen KI tun?

Wrobel: Die Unternehmen sollten sich natürlich genau mit den aktuellen Möglichkeiten der KI befassen und sich Beispiele ansehen – und darüber nachdenken: Wie können wir diese Möglichkeiten nutzen? Das muss von oberster Ebene her geschehen, denn es hat Auswirkungen auf das grundsätzliche Design des eigenen Geschäftsmodells und die eigene Positionierung. Ich kann kein Unternehmen werden, das Künstliche Intelligenz einsetzt, wenn ich nicht auch ein datenorientiertes, ein datengetriebenes, ein digitalisiertes Unternehmen bin. Insofern die simple Botschaft: »Start now«. Investieren Sie jetzt, bauen Sie Kompetenz auf, suchen Sie sich die richtigen Partner. Wir integrieren daher bei Fraunhofer die Unterstützung zum Thema KI auch in unsere Beratung zur Digitalisierung oder zu Big Data – denn diese Fragen hängen eng zusammen.

Tumescheit: Vielen Dank für das Gespräch!

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