Unter dem Schlagwort »Industrie 4.0« verändert sich derzeit die Produktionsarbeit immer stärker hin zu einer intelligenten Vernetzung: Maschinen, Anlagen, Produkte, Lager und Werkzeuge kommunizieren untereinander - und mittels mobiler Endgeräte auch mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Das Fraunhofer IAO ist führend bei der wissenschaftlichen Erforschung und praktischen Gestaltung dieser Entwicklung und beschäftigt sich dabei vorwiegend mit Fragen rund um die Rolle des Menschen in der Industrie 4.0. Die Modellfabrik des Fraunhofer IAO wurde als einer der 100 Orte für Industrie 4.0 in Baden-Württemberg ausgewählt. Im Interview beantwortet Prof. Dr.-Ing. Wilhelm Bauer, Leiter des Fraunhofer IAO, Fragen rund um die Digitalisierung der Arbeitswelt und die Umsetzung von Industrie 4.0 in Deutschland.

Prof. Wilhelm Bauer, Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO.

Prof. Wilhelm Bauer, Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO.

Segedi: Herr Prof. Bauer, im vergangenen Jahr sind am Fraunhofer IAO einige richtungsweisende Forschungsprojekte zum Thema Digitalisierung der Arbeitswelt gestartet. Wo sehen Sie in den nächsten Jahren entscheidende Entwicklungen?

Bauer: Verfolgt man die aktuelle Diskussion in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, wird deutlich, dass die Digitalisierung unsere Lebens- und Arbeitswelt massiv verändern wird. Aus meiner Sicht sind drei Elemente in diesem Zusammenhang maßgeblich: wir Menschen mit unseren modernen Bedürfnissen und Verhaltensweisen, neue – teilweise disruptive – Geschäftsmodelle und die Technologie, allem voran die Digital- und Informationstechnik.

Segedi: Wie wirkt sich die digitale Transformation auf unseren Arbeitsalltag aus?

Bauer: Das Internet und digitale Technologien verändern unseren Arbeitsalltag signifikant. In der Bürowelt ist digitales Arbeitsverhalten schon weit entwickelt. Wir können arbeiten wo, wann und wie wir wollen. Und der Einzug von Systemen mit künstlicher Intelligenz wird die Wissens- und Büroarbeit noch ganz erheblich verändern. Diese Entwicklungen halten nun auch in unseren Fabriken Einzug: Im Internet der Dinge kommunizieren intelligente, vernetzte Objekte untereinander sowie mit Menschen. Wir werden dadurch einen neuen Automatisierungsschub bekommen. Dies ist im Hinblick auf unsere demografische Situation gut.

Segedi:
Wird die oftmals beschriebene »digitale Kluft« angesichts dieser Entwicklungen nicht immer größer?

Bauer: Ja, die Gefahr besteht. Da sind zum einen die jungen Menschen der Generationen Y und Z, die mit hoher IT-Affinität digital sozialisiert und »always online« sind. Sie gehen mit Digitaltechnik – auch in der Arbeitswelt – ganz selbstverständlich um. Und auf der anderen Seite stehen die Anforderungen von älteren Menschen, die diesen Zugang so nicht selbstverständlich haben. Auch sie müssen wir mitnehmen in die zukünftige digitale Welt der Arbeit, denn wir wollen niemanden mit wertvoller Qualifikation dabei verlieren. Das erfordert entsprechende Weiterbildungsanstrengungen. Auch der Aufbau altersgemischter Teams ist eine gute Möglichkeit. Und wir brauchen Digitaltechnik, die so einfach zu nutzen ist, dass Menschen jeden Alters, jeder Kultur und jeder Qualifikation damit ganz leicht umgehen können. Technik muss also »easy-to-use« sein.

Segedi: Schlagwort Industrie 4.0 – wie werden diese Entwicklungen Produktionsunternehmen vorantreiben?

Bauer: Wir befinden uns mit dem »Internet der Dinge und Dienste« am Beginn der nächsten industriellen Revolution, die wir Industrie 4.0 nennen. Das bedeutet konkret, dass produzierende Unternehmen auf der einen Seite digital angereicherte Produkte, wir sprechen hier von Cyber-Physical Systems, entwickeln werden. Und diese Produkte werden in smarten Fabriken produziert, in denen digitale und vernetzte Produktionssysteme die neuen Produkte immer intelligenter automatisiert herstellen. Digitalplattformen unterstützen die Produktion der smarten Produkte über den ganzen Wertschöpfungsprozess »End-to-End«, vom Kundenbedarf bis hin zum Kundennutzen.

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Segedi: Welche volkswirtschaftlichen Potenziale sehen Sie für die Industrie 4.0?

Bauer: Das ist natürlich eine entscheidende Frage, der wir schon im Jahr 2014 im Rahmen einer Studie mit der BITKOM nachgegangen sind. Diese hat ergeben, dass Industrie 4.0 das Potenzial dazu hat, unsere industrielle Wertschöpfung so zu revolutionieren wie das Internet die Wissensarbeit. Um das volle Potenzial der Industrie 4.0 zu heben, müssen wir das »Ecosystem« aus Mensch, Technik und Organisation ganzheitlich gestalten. Und wir brauchen Standards auf der Technologie- und Anwendungsseite sowie Regeln für schnelle und schnittstellenfreie Kommunikation, Datenschutz und Datensicherheit. Daran arbeiten wir beispielsweise auch mit der Fraunhofer-Initiative »Industrial Data Space«

Segedi: Wie wird aus der Industrie 4.0 Realität? Wo sehen Sie Herausforderungen bei der Umsetzung?

Bauer: Industrie 4.0 muss schrittweise eingeführt werden. Hierzu sind Erfahrungen in der Forschung und Umsetzung zu sammeln. Gleichzeitig gilt es, die Menschen für digitale Arbeitsweisen zu qualifizieren und mit veränderten Prozessen vertraut zu machen. Hierzulande haben wir dafür sehr großes Potenzial, aber nur dann, wenn wir nicht nur als Markt, sondern auch als Anbieter von erforderlichen Technologien fungieren. Wir sind zwar Vorreiter im Maschinen- und Anlagenbau, hinken aber im Umgang mit Daten noch hinterher. Manche sagen, wir haben in Deutschland und Europa die erste Halbzeit der Digitalisierung verloren. Doch jetzt beginnt die zweite, und hier geht es um die reale Welt, um Grundbedürfnisse, um die Digitalisierung der »real economy«. Das war schon immer unsere Stärke, hier haben wir sehr gute Chancen.

Segedi:
Rückt der Mensch denn nun weiter in den Mittelpunkt der Mensch-Maschine-Interaktion?

Bauer: An Hörimplantaten, am Körper getragenen Sensoren oder kollaborativen Robotern sehen wir, dass sich lernfähige Maschinen – oder generell lernfähige Technik – immer mehr an individuelle Bedürfnisse und Fähigkeiten anpassen. Hier stehen wir aber erst am Anfang. Nun gilt es, Anwendungen menschengerecht zu gestalten und verschiedene Nutzergruppen beim Design und bei der Entwicklung mit einzubeziehen. Der Ansatz einer integrierten und interdisziplinären Forschung muss im Vordergrund stehen. Ethische, soziale und rechtliche Aspekte sollten gleichrangig zu wissenschaftlich-technischen und ökonomischen Fragen beleuchtet werden. Dazu brauchen wir eine neue sozio-ökonomische Forschung, die die Technik mit einbezieht.

Segedi: Gibt es schon konkrete Ansätze für ein solches Forschungsfeld im Bereich Mensch-Maschine-Interaktion am Fraunhofer IAO?

Bauer: Im Oktober vergangenen Jahres haben wir am Fraunhofer IAO das NeuroLab – Labor für Neuroarbeitswissenschaft eröffnet. Dieses Labor ist in dieser Form bisher einzigartig in Deutschland. Im NeuroLab forschen wir daran, wie sich technische Arbeitsumgebungen unter Einbeziehung neurowissenschaftlicher Erkenntnisse nutzerfreundlich und anwendungsgerecht, also ökonomisch, gestalten lassen. Mit dem Brückenschlag zur Neurowissenschaft heben wir die Arbeitsforschung auf eine neue Ebene. Erkenntnisse über das Erleben, die Motivation und die Belastung bei der Arbeit helfen uns, Geräte und Systeme viel menschengerechter zu gestalten und so erfolgreich am Markt zu platzieren.

Segedi: Vielen Dank für das Gespräch!

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