Die Fraunhofer-Gesellschaft startete letztes Jahr die Initiative Industrial Data Space. In einem Förderprojekt arbeiten Forscher an einer Referenzarchitektur für den sicheren Datenraum und dessen Umsetzung. Anfang 2016 wurde zudem ein Verein mit namhaften Unternehmen gegründet, der sich für Datensouveränität und branchenübergreifende Vernetzung einsetzt. Im Interview erklärt Projektleiter Boris Otto, worum es geht.

Prof. Dr. Boris Otto, Koordinator des Forschungsprojekts Industrial Data Space.

Prof. Dr. Boris Otto, Koordinator des Forschungsprojekts Industrial Data Space.

Kühn: Herr Otto, warum brauchen wir einen Industrial Data Space?

Otto: In punkto Digitalisierung haben die USA und Ostasien bislang die Nase vorn. Wenn wir dran bleiben wollen, brauchen Unternehmen in Deutschland und Europa ein strategisches Werkzeug, mit dem sie ihre Daten in Wertschöpfungsnetzwerken sicher austauschen und miteinander kombinieren können. Dies ist die grundlegende Voraussetzung für Innovationen und Basis moderner Geschäftsmodelle. Der Industrial Data Space ermöglicht es, sich umfassend und branchenübergreifend in einem offenen Datenraum zu vernetzen. Er erleichtert es Unternehmen, das Potenzial der Digitalisierung für ihre Geschäftsmodelle zu nutzen, ohne dabei die Kontrolle über ihre Daten abzugeben.

Kühn: Wie funktioniert es, Daten mit anderen auszutauschen und sie trotzdem nicht aus der Hand zu geben?

Otto: Die Daten bleiben bei ihrem Eigentümer und werden nur bei Bedarf, also »on demand«, sicher vernetzt. So genannte Industrial Data Space Konnektoren stellen den Zugang von Unternehmen, aber auch von Dingen wie Fahrzeugen oder Containern, zum Industrial Data Space her. Diese Softwarekomponenten sorgen für den sicheren Datentransfer zwischen zwei Partnern mit zertifizierten Identitäten. Die Daten könnten im Industrial Data Space leicht mit öffentlichen oder bereits bestehenden Informationen gekoppelt und verarbeitet werden. Zum Beispiel ließen sich Navigationsdaten im Auto für eine bessere Routenberechnung mit aktuellen Daten aus Verkehrsleitzentralen zusammenführen.

Kühn: Wie wirken der Industrial Data Space und die Plattform Industrie 4.0 zusammen und wo liegen die Unterschiede?

Otto: Die beiden ergänzen sich. Die Plattform Industrie 4.0 legt den Fokus auf produzierende Branchen und adressiert dabei nicht allein die Frage der Daten, sondern auch smarte Services sowie Datenübertragungsfragen und den Shop-Floor-Bereich. Der Industrial Data Space konzentriert sich auf Datendienste in ganz unterschiedlichen Branchen – sowohl in der produzierenden Industrie als auch in Einzelhandel oder der Versicherungswirtschaft. Dort wo sich Industrial Data Space und Plattform Industrie 4.0 treffen, also bei den Daten, arbeiten wir eng zusammen, unter anderem in den Arbeitsgruppen der Plattform.

Kühn: Welche neuen Geschäftsmodelle sind mit dem Industrial Data Space künftig denkbar?

Otto: Generell bildet der Industrial Data Space eine Infrastruktur für digitale Geschäftsmodelle in unterschiedlichsten Branchen. Mittlerweile werden die Ideen an uns herangetragen, was unglaublich viel Spaß macht. Aktuelle Szenarien kommen aus den Bereichen Digital Farming, Windenergie, Life Sciences und High Performance Supply Chain. Daneben entwickeln sich immer mehr originäre Datengeschäftsmodelle, etwa Treuhänderdienste für Daten auf Basis des Industrial Data Space.

Prof. Dr. Boris Otto ist Projektleiter des Forschungsprojekts Industrial Data Space

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