»Es braucht vor allem das gemeinsame Handeln aller Beteiligten«

Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung

Ein Interview mit Prof. Dieter W. Fellner vom Fraunhofer IUK-Verbund zu Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung.

Prof. Dr. Dieter W. Fellner, Vorsitzender des Fraunhofer-Verbunds IUK-Technologie.

Prof. Dr. Dieter W. Fellner, Vorsitzender des Fraunhofer-Verbunds IUK-Technologie.

Kühn: Herr Fellner, unsere Gesellschaft und unser Arbeitsleben sind heute schon weitgehend digital. Welche digitalen Umwälzungen werden in den nächsten Jahren noch auf uns zukommen?

Fellner: Einiges, und zwar in allen Bereichen der Gesellschaft. Spontan fällt mir die Produktion ein, die sich nicht nur mit den neuen Technologien der Industrie 4.0 auseinandersetzen wird, sondern auch mit veränderten Abläufen, Produktions-, Liefer- und Vertriebsketten und mit neuen Geschäftsmodellen. Am spannendsten sind die Veränderungen im automobilen Sektor. Da hat sich beim teilautomatisierten Fahren in kurzer Zeit sehr viel getan. Auch wenn es noch dauern wird, bis Autos komplett computergesteuert über die Straßen rollen, ist das wohl der Bereich mit der größten Entwicklungsdynamik. Die notwendigen Technologien sind bereits vorhanden, jetzt kommt es darauf an, sie praktikabel, sicher und wirtschaftlich einzusetzen. Aber auch in der Energiebranche, in der Telemedizin oder bei der 3D-Simulation bzw. im 3D-Druck sind in den nächsten Jahren Innovationssprünge zu erwarten. Grundsätzlich kann man, denke ich, jetzt schon prognostizieren, dass viele Anwendungen komplexer, dadurch aber auch mobiler und besser integriert sein werden.

Kühn: Welche digitale Veränderung der letzten Jahre hat Sie am meisten gefreut?

Fellner: Das ist ganz klar das Smartphone. Hier sind viele Anwendungen auf engstem Raum miteinander verknüpft und das auch noch mobil. Wenn man mal überlegt, wie viele Sensoren allein in so einem Gerät verbaut sind, ist das nahe an dem, was vor 25 Jahren noch Science Fiction war. Als Informatiker bietet mir das Smartphone Möglichkeiten, für die ich früher als junger Forscher viele teure Spezialgeräte gebraucht hätte.

Kühn: Ist denn der oft beschworene »digitale Wandel« überhaupt in allen Bereichen und Branchen sinnvoll und nützlich?

Fellner: Der digitale Wandel ist überall dort nützlich, wo er Wettbewerbsvorteile schafft, nachhaltiger mit Ressourcen umgeht oder neue Geschäftsmodelle entwickelt. Der Weg dahin führt oft über ein zeitweises Nebeneinander von alten und neuen Technologien. Je nachdem, wann sich ein Mehrwert einstellt oder nicht, passiert der Wandel schneller, langsamer oder gar nicht. Wichtig ist in jedem Fall, dass die Digitalisierung den Menschen dient. Daher wird die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine in Zukunft enger werden.

Kühn: Welche Voraussetzungen sind nötig, um die digitale Wende erfolgreich zu gestalten?

Fellner: Es braucht vor allem das gemeinsame Handeln aller Beteiligten. Innovation entsteht nicht allein durch Technologie, sondern auch dadurch, alle Menschen mitzunehmen. Ein Beispiel ist die Breitbandversorgung im ländlichen Raum: Dort ist es noch immer sehr schwer, einen Internetanschluss mit 50 Mbit/s oder mehr zu bekommen. Das wäre technisch zwar möglich, aber die Anbieter sehen keinen finanziellen Anreiz, in diese Kundengruppen zu investieren. Das allein hat zur Folge, dass sich neue Firmen lieber in ohnehin schon infrastrukturstarken Regionen ansiedeln, weil die Breitbandversorgung hartes Kriterium für Standortentscheidungen ist. Die digitale Wende muss aber für alle da sein und auch nicht an Ländergrenzen enden. Ich denke, wir können da auf der europäischen Ebene noch viel besser zusammenarbeiten.

Kühn: Vor allem der Mittelstand hat in punkto Digitalisierung Nachholbedarf. Wie können die Politik, aber auch Forschungsorganisationen wie Fraunhofer den Mittelstand unterstützen?

Fellner: Die Fraunhofer-Gesellschaft ist bereits ein etablierter Partner des Mittelstandes. Wir erzielen 30 Prozent unserer Wirtschaftserträge mit kleinen und mittleren Unternehmen. Wir im Fraunhofer-IUK-Verbund sehen es auch als eine unserer wichtigsten Aufgaben, die mittelständischen Unternehmen, die sich keine eigene FuE-Abteilung leisten können, mit innovativen Technologien zu unterstützen. Im Übrigen findet nach meinen Beobachtungen bei den kleinen und mittelgroßen Betrieben gerade im Bereich Industrie 4.0 ein Umdenken statt. Da tut sich sogar recht viel. Im Gegensatz zu großen Firmen mit vielen Standorten weltweit, sind hier die Entscheidungswege kürzer und die Prozessketten weniger kompliziert.

Kühn: Sicherheit und Akzeptanz sind bei neuen digitalen Technologien die größten Herausforderungen. Wie können wir diesen am besten begegnen?

Fellner: Da lautet die Antwort ganz klar: Transparenz. Viele IT-Systeme sind »black boxes«, man kann nicht erkennen, was mit bereitgestellten Daten genau passiert. Deshalb muss man ehrlich erklären, wie etwas funktioniert, was ein System kann und auch, was es nicht kann. Ein wichtiges Schlagwort in diesem Zusammenhang ist »Privacy by Design«, also dass Systeme von vornherein auf den Schutz von sensiblen Daten angelegt sind und man das nicht erst mühsam im Nachhinein einbauen muss. Es dürfen immer nur die Daten erfasst werden, die für die Aufgabe nötig sind, und nicht maximal viele, deren Verwendung zu diesem Zeitpunkt noch ungeklärt ist. Ich plädiere daher auch für einen Ausbau der IT-Sicherheitsforschung, weil da noch viel zu tun ist und sie für mehr Vertrauen in digitale Infrastrukturen sorgen kann.

Kühn: Welche neuen Berufsbilder wird die Digitalisierung in den nächsten Jahren mit sich bringen?

Fellner: Nicht die Berufe, sondern die Tätigkeitsprofile werden sich verändern. Ein Konstrukteur in der Automobilindustrie beispielsweise hat früher mit Papier und Bleistift gezeichnet, heute bedient er eine 3D-Visualisierungssoftware. Das zugrunde liegende Fachwissen bleibt aber weitestgehend ähnlich. Es sind also die Werkzeuge und die notwendigen Anwendungskenntnisse, die sich weiterentwickeln. In diesem Zusammenhang wird es jedoch neue Spezialisierungen geben, wie zum Beispiel den »Data Scientist«, ein Spezialgebiet der Datenbank-Informatik, für dessen Entwicklung sich im Übrigen auch einige Fraunhofer-Institute und die Gesellschaft für Informatik stark engagieren.

Professor Dieter W. Fellner vom Fraunhofer IGD in Darmstadt ist der Vorsitzende des Fraunhofer-Verbunds für Informations- und Kommunikationstechnologie. Der gebürtige Österreicher ist Experte für Computer Graphics und Visual Computing. Der IUK-Verbund umfasst aktuell 19 Fraunhofer-Institute ist Dienstleister und Ansprechpartner für Unternehmen und Anwender bei Fragen zu IT-Innovationen.

www.iuk.fraunhofer.de

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