Professor Ina Schieferdecker, Leiterin des Fraunhofer-Instituts für Offene Kommunikationssysteme FOKUS in Berlin, fordert einen Digitalisierungsrat, der ethische und moralische Fragen zur Digitalisierung klärt.

Professor Ina Schieferdecker, Institutsleiterin Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS. © Fraunhofer FOKUS

Bruckschen: Frau Professor Schieferdecker, Sie haben am Rande der weltgrößten Digitalmesse »South by Southwest (SXSW)« in Texas die Gründung eines nationalen Ethikrates für Fragen der Digitalisierung gefordert. Warum?

Prof. Schieferdecker: Aus meiner Sicht hat sich unsere Gesellschaft bisher zu wenig mit der moralischen Dimension der Digitalisierung auseinandergesetzt. Jede technische Revolution, und die Digitalisierung ist eine solche, bringt soziale und politische Herausforderungen mit sich, für die wir neue Antworten, Prozesse und Regularien benötigen. Die bisherige Gesetzgebung hält nicht Schritt.

Bruckschen: Aber beim automatisierten Fahren beispielsweise ist die Haftung gesetzlich klar geregelt: Verantwortlich ist der Originalausrüstungshersteller…

Prof. Schieferdecker: Nicht ausreichend geklärt ist jedoch die Software-Haftung, denn heute hat jeder Hersteller immer mehr Software-Zulieferer. Im Augenblick wird diese Entwicklung noch sehr nach den Wünschen der Wirtschaft gestaltet, nicht nach humanistisch-moralischen Vorstellungen. Damit riskieren wir ein schwindendes Vertrauen der Gesellschaft in die Technologie.

Bruckschen: Wie kann ein Auto denn moralisch handeln?

Prof. Schieferdecker: Es ist ja nicht das Auto, das moralisch handelt – heute entscheiden letztlich die Software-Designer und -Entwickler, wie es reagiert. Es kommt darauf an, uns Leitplanken zu setzen, denen wir bei der Software-Entwicklung nachvollziehbar folgen und deren Einhaltung zudem zu überprüfen ist.

Bruckschen: Um Entscheidungen zu treffen wie in dem vielzitierten Beispiel: Soll eher der alte Mensch überfahren werden oder das Kind?

Prof. Schieferdecker: Wir können auf keinen Fall Bevölkerungsgruppen oder Personen unterscheiden, das muss Zufall bleiben. Aber nehmen Sie ein anderes Beispiel: Sie sind mit dem Auto unterwegs und ein Radfahrer kommt auf Sie zu. Sie könnten einen für den Radfahrer vermutlich tödlichen Unfall verhindern, indem Ihr Auto mit geringer Geschwindigkeit gegen einen Baum fährt. Sie würden durch die vorhandenen Sicherheitssysteme geschützt. Die Frage lautet in diesem Fall: Soll sich mein Auto selbst zerstören, um andere zu schützen?

Bruckschen: Wie weit ist die Technologie heute?

Prof. Schieferdecker: 90 Prozent der Verkehrsunfälle gehen derzeit laut McKinsey auf menschliches Versagen zurück. Große Player wie Daimler, VW und BMW sowie Zulieferer wie Bosch und Continental verfolgen ambitionierte Zeitpläne und haben hochautomatisierte Fahrzeuge ab 2020 angekündigt. Wobei »hochautomatisiert« nach Definition der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) bedeutet, dass der Fahrer nach Aufforderung durch die Computersteuerung mit angemessener Zeitreserve die Steuerung wieder vollständig übernehmen kann. Ab 2025 sollen vollautonom fahrende Fahrzeuge kommen. Wobei: Auf Autobahnen können Oberklassefahrzeuge das bereits heute, auch in der Landwirtschaft und im Straßenbau gibt es schon funktionierende Beispiele.

© Foto Fraunhofer IAIS

Bruckschen: Es wird also eine längere Übergangszeit mit einem Mischverkehr aus traditionell und autonom fahrenden Autos geben – welche Fragen wirft das auf?

Prof. Schieferdecker: Wir müssen autonomen Fahrzeugen auch »Mut« beibringen: Heute sind autonome Fahrzeuge eher defensiv eingestellt – sie halten in schwierigen Situationen eher an als zügig durchzufahren, etwa an Kreisverkehren. Wir dagegen wissen, dass wir teilweise kleine Lücken nutzen müssen, da wir ansonsten bis in alle Ewigkeit an dieser Engstelle stehen. Autonome Fahrzeuge müssen diese Ansätze ebenso lernen. Zudem brauchen wir eine Art Netiquette: In Testfahrten hat sich beispielsweise gezeigt, dass andere Verkehrsteilnehmer autonome Fahrzeuge absichtlich provozieren, um die Systeme an ihre Grenzen zu bringen. Wir sollten also Regeln für den Umgang mit solchen Fahrzeugen aufstellen.

Bruckschen: In welchen Forschungsbereichen befasst sich das Fraunhofer FOKUS außerdem mit ethischen und moralischen Fragen der Digitalisierung?

Prof. Schieferdecker: In unseren Projekten stoßen wir immer wieder auf die Thematik der ethisch-moralischen Leitplanken, etwa im Kontext des neuen Personalausweises, der neuen Gesundheitskarte oder des automatisierten Fahrens. Auch im Zusammenhang mit unseren Datenplattformen für Europa, Deutschland und viele Städte und Kommunen, wenn es um die Frage geht: Wie sicher und zuverlässig sind die Daten? Welche Daten sollten dort nicht verfügbar sein? Ein anderes Beispiel sind unsere Empfehlungssysteme: Wie sehr wollen wir geführt werden, etwa bei der Gestaltung unseres Abends in der Stadt? Oder beim Einkaufen? Was sind unzulässige Beeinflussungen?

Bruckschen: In den USA haben sich große Konzerne des Silicon Valley zusammengeschlossen, um ethische Richtlinien für die Entwicklung künstlicher Intelligenz zu fördern. Was halten Sie davon?

Prof. Schieferdecker: Ich finde es gut, wenn die Debatte beginnt. Aber es ist zu kurz gesprungen, wenn man das allein der Wirtschaft überlässt. Die Bürger und alle anderen Akteure müssen ebenfalls beteiligt werden, um sich gemeinsam Antworten zu nähern. Mit der Wirtschaft ist zu klären: Wo liegt das Dateneigentum? Wer kann wie Mehrwert aus Daten schöpfen? Was dürfen Unternehmen mit unseren Daten tun, was ist unzulässig? Wie regeln wir das digitale Vergessen?

Bruckschen: Es gibt bereits verschiedene Ethikräte – ist es sinnvoll, für jedes Thema einen eigenen zu installieren?

Prof. Schieferdecker: Nein, wir müssen vermeiden, dass es zu viele kleinteilige Initiativen gibt. Der Deutsche Ethikrat der Bundesregierung hat sich bereits mit Fragen zur Entschlüsselung des menschlichen Genoms und den Folgen für Diagnostik oder das Klonen beschäftigt. Auch hier mussten genuin ethische Fragen geklärt werden. Die Formalien sind also vorhanden, man muss sie nur minimal ändern und klären, wie wir den Bereich Digitalisierung angehen wollen. Auf politischer Ebene passiert bereits vieles, es gibt beispielsweise diverse Agenden zur Digitalisierung und den Digitalisierungsgipfel. Die Umsetzung der daraus entstehenden Initiativen muss durch ethisch-moralische Leitplanken begleitet werden.

Bruckschen: Wer sollte dem Digitalisierungsrat angehören?

Prof. Schieferdecker: Es sollte ein transdisziplinärer Rat sein, bestehend aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Philosophie, Soziologie, Politikwissenschaften, Rechtswissenschaften, Nachhaltigkeitswissenschaften, Medizin und natürlich der Informatik und Elektrotechnik.

Bruckschen: Was können wir als Gesellschaft sonst noch tun, um für die Digitalisierung gewappnet zu sein?

Prof. Schieferdecker: Das Thema sollte in der Aus- und Weiterbildung eine größere Rolle spielen, mit unserer FOKUS-Akademie setzen wir hier neue Schwerpunkte. Wobei ich eben nicht nur Medienkompetenz oder das Programmieren meine, sondern vielmehr das Vermitteln der Möglichkeiten der digitalen Transformation und der Auswirkungen im Positiven wie Negativen. So werde ich selbst etwa nicht vergessen, wie ich als Studentin die erste Taste meines Keyboards programmiert habe. Zu sehen und zu hören, welchen Effekt die Soft- und Hardware in der realen Welt hatte – das war ein echter Aha-Moment. So würden Schülerinnen und Schüler ebenso sehen können, dass sie mit Digitalisierung die Umgebung und Umwelt, unsere Prozesse und Abläufe besser wahrnehmen und verstehen und so Verantwortung für deren Gestaltung übernehmen können. Ein Digitalisierungsrat muss hierfür die Leitplanken setzen.

Die studierte Informatikerin Professor Ina Schieferdecker leitet das Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS in Berlin, daneben ist sie u.a. Präsidentin des Arbeitskreises Software-Qualität und Fortbildung (ASQF e.V.) sowie Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech e.V.). 2016 übernahm sie eine Professur an der TU Berlin, Fachgebiet »Quality Engineering of Open Distributed Systems« und wurde in den wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) vom Bundeskabinett berufen.

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