Gummi aus Löwenzahn

Bessere CO2-Bilanz, größere Unabhängigkeit von Marktpreisen

Die Pusteblume ist eine ökologisch und ökonomisch attraktive Alternative zum tropischen Kautschukbaum. Daher erschließt Fraunhofer gemeinsam mit dem Reifenhersteller Continental, dem Julius Kühn-Institut und ESKUSA Löwenzahn als nachhaltige Rohstoffquelle für die gummiverarbeitende Industrie.
Share this post by e-mail
You can enter up to five recipients. Seperate them with a comma.





The provided data in this form is only used to send the e-mail in your name. They will not be stored and not be distributed to any third party or used for marketing purposes.

Dieser Conti EcoPlus HD3 ist der erste Lkw-Reifen aus Löwenzahnkautschuk und liefert die gleiche Leistung wie ein Reifen aus herkömmlich gewonnenem Naturkautschuk. © Continental

Dieser Conti EcoPlus HD3 ist der erste Lkw-Reifen aus Löwenzahnkautschuk und liefert die gleiche Leistung wie ein Reifen aus herkömmlich gewonnenem Naturkautschuk. © Continental

Täglich nutzen wir Produkte auf Kautschukbasis: Zum Fortbewegen, um darauf zu liegen oder zu sitzen, um vor Keimen zu schützen oder etwas zusammenzukleben. Die Liste ist lang, und Autoreifen, Matratzen, Handschuhe oder Klebstoffe sind erst der Anfang. Denn etwa 40 000 Artikel des täglichen Lebens enthalten Kautschuk, einen enorm vielseitigen Rohstoff: dehnbar, wasserabweisend und widerstandsfähig. Derzeit erreichen synthetische Varianten noch nicht die Qualität des Naturprodukts. Naturkautschuk für industriell gefertigte Produkte wird bisher fast ausschließlich aus dem Milchsaft des Kautschukbaums gewonnen. Hevea brasiliensis wächst nur in tropischen Breiten, und 95 Prozent der weltweiten Produktion kommt aus Südost-Asien. Gummirohstoff vom heimischen Acker nahe der Produktionsstätte wäre eine wirtschaftlich interessante und nachhaltige Alternative für Hersteller.

Dass sich aus Löwenzahn Kautschuk gewinnen lässt, war bereits Mitte des letzten Jahrhunderts bekannt. Auch, dass sich der sogenannte Russische Löwenzahn besonders gut eignet, denn Taraxacum koksaghyz enthält schon von Natur aus relativ viel Kautschuk. Dirk Prüfer und Christian Schulze Gronover vom Fraunhofer IME und dem Institut für Biologie und Biotechnologie der Pflanzen der Uni Münster (IBBP) wissen daher den Löwenzahn hoch zu schätzen. Dirk Prüfer: »Löwenzahn ist extrem anspruchslos und wächst in gemäßigtem Klima. Transporte aus tropischen Ländern entfallen hier. Das verbessert die CO2-Bilanz des Rohstoffs beträchtlich. Auch die größere Unabhängigkeit von teilweise stark schwankenden Marktpreisen bietet enorme Vorteile für die Industrie.« Zudem schont der Anbau von Löwenzahn in mittleren Breiten tropische Regenwälder, die für neue Kautschukbaum-Plantagen weiter abgeholzt werden müssten, um den weltweit steigenden Kautschukbedarf zu decken. Also verfolgen IME und Continental gemeinsam das Ziel, ein umwelt- und ressourcenschonendes Verfahren zu entwickeln, das die Produktion von Naturkautschuk aus Löwenzahn im industriellen Tonnenmaßstab ermöglicht.

Nachhaltig und wirkungsvoll: Das Nutzfahrzeug-Motorlager von ContiTech aus Löwenzahnkautschuk. © ContiTech

Nachhaltig und wirkungsvoll: Das Nutzfahrzeug-Motorlager von ContiTech aus Löwenzahnkautschuk.
© ContiTech

Effizientes und preiswertes Extraktionsverfahren

Die Forscher konnten zusammen durch konventionelle Züchtung den Kautschukgehalt des Russischen Löwenzahns schon mehr als verdoppeln. Und für die Extraktion des Kautschuks hat das Forscher-Team im ersten Schritt eine Anlage im Labormaßstab entwickelt, eine spezielle Mühle, mit der aus den Löwenzahnwurzeln der Gummirohstoff gewonnen wird. Im nächsten Schritt konnten die Projektpartner Autoreifen-Prototypen herstellen. Die Reifen mit dem auf den Namen »Taraxagum™« getauften Löwenzahn-Kautschuk zeigten bei Tests unter Sommer- wie Winterbedingungen ein Eigenschaftsprofil, das vergleichbar ist mit Reifen aus herkömmlichem Naturkautschuk. Und der Automobilzulieferer hat bereits weitere Anwendungen im Blick: Auf der internationalen Automobilausstellung IAA 2015 hat die Division ContiTech den ersten Prototypen für Schwingungs- und Lagerungselemente auf Basis von »Taraxagum™« vorgestellt. Prototypen für Nutzfahrzeugreifen sowie Lager für Motor und Gelenkwelle in Lkw und Bussen konnten auf der IAA 2016 präsentiert werden. Damit kommt der Naturkautschuk aus der Pusteblume erstmals auch bei Nutzfahrzeugen zum Einsatz.

Das Gelenkwellenzwischenlager von ContiTech aus Löwenzahnkautschuk überzeugt mit gleichbleibend guten Dämpfungseigenschaften. © ContiTech

Das Gelenkwellenzwischenlager von ContiTech aus Löwenzahnkautschuk überzeugt mit gleichbleibend guten Dämpfungseigenschaften. © ContiTech

Weitere Anwendungsmöglichkeiten gibt es viele. Attraktiv wird der Löwenzahn-Kautschuk auch dadurch, dass er nicht die durch herkömmlichen Naturkautschuk hervorgerufenen Allergien auslöst. Das macht ihn zu einer interessanten Alternative beispielsweise für Gummihandschuhe, wie sie im medizinischen Bereich oder in Privathaushalten verwendet werden.

Jetzt wird die Gewinnung von Löwenzahn-Kautschuk mit Blick auf die industrielle Produktion weiter optimiert, skaliert und eine größere Forschungsanlage gebaut. Das Conti-IME-Team hat sich das Ziel gesteckt, eine Tonne Löwenzahn-Kautschuk pro Hektar Anbaufläche zu gewinnen. Eine industrielle Fertigung von Produkten aus Löwenzahn-Kautschuk soll in einigen Jahren möglich sein. Die Bundesregierung unterstützt das Thema im Zuge der Forschungsstrategie Bio-Ökonomie 2030.

Für ihre Forschung am russischen Löwenzahn und die Entwicklung von Autoreifen-Prototypen auf Basis von Löwenzahn-Kautschuk erhielten die beteiligten Forscherinnen und Forscher einen Joseph-von-Fraunhofer-Preis 2015. Ausgezeichnet wurden Dr. Christian Schulze Gronover und Prof. Dirk Prüfer vom IME und dem Institut für Biologie und Biotechnologie der Pflanzen der Uni Münster sowie Dr. Carla Recker von Continental.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.